Mallorca 1972
Im Juni 1972 stand unsere erste Mannschaftsfahrt nach Mallorca an. Damals war die Insel noch längst nicht so bebaut und überlaufen wie heute. Unser Ziel war El Arenal, wo wir in einem für damalige Verhältnisse sehr guten Hotel untergebracht waren.
Wie es bei solchen Mannschaftsfahrten üblich war, wurde viel gefeiert, viel gelacht und natürlich auch das eine oder andere Bier getrunken. Tagsüber genossen wir die Sonne und das Meer, und abends zogen wir gemeinsam durch die Lokale und Bars.
Eines Abends besuchten wir eine Tanzveranstaltung mit einer weiblichen Tanzgruppe. Die Stimmung war hervorragend, wir hatten viel Spaß und ließen es uns gut gehen. Irgendwann gelang es mir, hinter die Bühne beziehungsweise in die Umkleideräume der Tänzerinnen zu gelangen. Das war damals gar nicht so schwierig, denn die Räume waren frei zugänglich.
Dort entdeckte ich ein Tanzhöschen und kam auf die Idee, meinem guten Freund Arno einen kleinen Streich zu spielen. Ich nahm das Höschen mit und versteckte es heimlich in seinem Koffer. Arno und ich teilten uns während der Reise ein Zimmer, sodass ich die Gelegenheit dazu hatte.
Die Tage vergingen, und Arno bemerkte natürlich nichts. Erst als wir wieder zu Hause waren und die Koffer ausgepackt wurden, nahm die Geschichte ihren Lauf. Beim Ausräumen fand seine Frau plötzlich das fremde Höschen zwischen seinen Sachen.
Man kann sich vorstellen, dass zunächst einige Fragen aufkamen und Arno in Erklärungsnot geriet. Die Situation sorgte erst einmal für reichlich Aufregung und Stress. Als die Wahrheit schließlich ans Licht kam, entschuldigte ich mich natürlich bei seiner Frau für meinen Scherz.
Im Nachhinein konnten wir alle herzlich darüber lachen. Es blieb eine dieser typischen Geschichten, die man unter Freunden immer wieder erzählt und die noch viele Jahre später für gute Laune sorgt.
So wurde unsere erste Mannschaftsfahrt nach Mallorca nicht nur wegen Sonne, Strand und Party unvergesslich, sondern auch wegen eines kleinen Streichs, der beinahe für größeren Ärger gesorgt hätte – und der bis heute zu den lustigsten Erinnerungen dieser Reise gehört
Mein erstes Urlaubsabenteuer – Sommer 1969
Im Sommer 1969 fuhr ich zum ersten Mal ohne Eltern in den Urlaub. Zusammen mit meinem Arbeitskollegen, seinem Sohn und einigen Freunden ging es nach Kappeln an der Schlei zum Angeln. Ich war gerade 18 Jahre alt geworden und voller Tatendrang. Dass dieser Urlaub zu einem Abenteuer werden würde, das ich mein Leben lang nicht vergessen sollte, ahnte damals niemand.
Wir wohnten auf einem Campingplatz in Langballigau und verbrachten die Tage mit Angeln, Ausflügen und gemeinsamen Unternehmungen. Eines Nachts waren wir sogar zum Angeln unterwegs, doch wie so oft blieb der große Fang aus.
Am nächsten Tag machten wir einen Ausflug auf die dänische Insel Als mit ihrer Stadt Sønderborg. Dort wollten wir etwas erleben, gingen in Kneipen und später in eine Diskothek. Mein Arbeitskollege, den ich immer scherzhaft „den Schwarzen Kola“ nannte, und ich gerieten dabei etwas aneinander. Ich wollte noch mehr erleben, während die anderen bereits an die Rückfahrt dachten.
Irgendwann verlor ich die Gruppe aus den Augen. Sie suchten mich zwar, fanden mich aber nicht. Als schließlich die Fähre zurückfuhr, stand ich am Ufer und sah meine Freunde an Bord winken. Die Fähre legte ab – ohne mich.
Damit begann das eigentliche Abenteuer.
Ich ging zunächst in eine Musikkneipe, trank ein paar Bier und überlegte, was ich nun machen sollte. Als ich die Kneipe verließ, bemerkte ich plötzlich zwei fremde Männer hinter mir. Vielleicht hatten sie gesehen, dass ich etwas Geld bei mir hatte. Jedenfalls folgten sie mir.
Zuerst ging ich schneller, dann lief ich. Die beiden kamen weiter hinterher. Schließlich erreichte ich den Hafen. Dort stand ein großer Container. Ohne lange nachzudenken, kletterte ich hinauf und ließ mich hineinfallen.
Erst unten merkte ich, worin ich gelandet war.
Der Container war voller Fischabfälle.
Der Geruch war unerträglich, aber die Angst war größer. Ich blieb regungslos liegen und hörte die Schritte der Männer in meiner Nähe. Sie unterhielten sich in einer Sprache, die ich nicht verstand. Bestimmt eine halbe Stunde lag ich zwischen den Fischresten und wagte kaum zu atmen.
Als endlich alles ruhig war, kletterte ich wieder heraus.
Völlig verschmutzt suchte ich eine Kneipe auf, ging auf die Toilette und versuchte, mich einigermaßen sauber zu machen. Danach zog ich weiter und entdeckte einen Güterzug. In einem offenen Güterwagen wollte ich die Nacht verbringen und bis zum Morgen warten.
Doch auch dort fand ich keine Ruhe.
Mitten in der Nacht hörte ich Hunde bellen. Sofort kamen die Erinnerungen an die Verfolgung zurück. Ich bekam Angst, sprang aus dem Wagen und lief davon. Noch immer war es dunkel. Schließlich fand ich eine Bushaltestelle, legte mich auf die Bank und schlief erschöpft ein.
Am Morgen wurde ich von einem wartenden Fahrgast geweckt. Ich sprang auf. Nach der Nacht zwischen Fischabfällen, Güterwagen und Bushaltestelle muss ich ausgesehen haben wie ein Landstreicher.
Ich machte mich auf den Weg zum Fähranleger und wartete auf die erste Fähre. Die ganze Zeit dachte ich noch an die Männer am Hafen, an den Container und an die unruhige Nacht. Als die Fähre endlich kam, fiel mir ein Stein vom Herzen.
Wenig später war ich wieder auf dem Campingplatz in Langballigau.
Dort warteten meine Freunde bereits auf mich. Besonders der „schwarze Kola“ war überglücklich, mich gesund wiederzusehen. Er hatte meinem Vater versprochen, auf mich aufzupassen, und hatte sich große Sorgen gemacht.
Als ich ihnen meine Geschichte erzählte, wollten einige sie kaum glauben. Doch genau so hatte sich alles abgespielt.
Heute, viele Jahrzehnte später, erinnere ich mich noch immer an dieses Abenteuer. Es war mein erster Urlaub ohne Eltern, mein erster großer Alleingang – und sicher eine der aufregendsten Nächte meines Lebens.
Und das war erst der Anfang. Denn dieser Urlaub hatte noch weitere Geschichten zu bieten.
Der Schwarze Kalle, das Hochseeangeln und der besoffene Kapitän
Mein Freund, den wir alle nur den „Schwarzen Kalle“ nannten, und ich fuhren mit seinem alten Opel nach Kappeln an der Schlei. Dort wollten wir zum ersten Mal in meinem Leben zum Hochseeangeln hinausfahren.
Der Schwarze Kalle hatte dafür einen kleinen Kutter samt Kapitän organisiert. Wie die beiden sich über den Preis geeinigt hatten, wusste ich nicht genau. Allerdings fiel mir auf, dass Kalle mehrere Flaschen Schnaps mitgebracht hatte. Damals dachte ich mir nicht viel dabei.
Schon früh am Morgen liefen wir aus und fuhren hinaus auf die Ostsee. Vom Hochseeangeln hatte ich überhaupt keine Ahnung. Begriffe wie „Pilker“ oder besondere Angelruten waren für mich völliges Neuland. Aber das spielte keine Rolle, denn ich hatte riesigen Spaß.
Zunächst fingen wir viele kleinere Fische, meist Dorsche. Doch plötzlich geschah etwas, das ich nie vergessen werde. Auf einmal hatte ich einen gewaltigen Biss an der Angel. Die Rute bog sich bis zum Anschlag durch, und ich war fest davon überzeugt, einen riesigen Fisch am Haken zu haben.
Das Ding zog so stark, dass ich beinahe über die Reling gegangen wäre. Ich hielt die Angel mit aller Kraft fest und wollte den Fang unbedingt an Bord holen. Der Schwarze Kalle schrie mich an, ich solle loslassen. Aber ich dachte nicht daran.
Der Fisch – oder was auch immer dort unten hing – zog sogar den Kutter ein Stück mit. Schließlich sah Kalle keine andere Möglichkeit mehr. Er griff zu einem Messer und schnitt kurzerhand die Angelschnur durch. Sofort war alles wieder ruhig.
Damals war ich zwar enttäuscht, aber heute muss ich darüber lachen.
Nach etwa acht Stunden auf See machten wir uns auf den Rückweg in den Hafen. Doch jetzt begann das eigentliche Abenteuer.
Unser Kapitän war inzwischen stockbesoffen.
Von außen hörten wir immer wieder Warnsignale eines großen Schiffes. Die Hupe dröhnte über das Wasser und bedeutete nichts anderes als: „Ausweichen!“
Doch unser Kapitän reagierte kaum. Er konnte sich kaum noch auf den Beinen halten, lallte nur vor sich hin und steuerte geradewegs weiter.
Plötzlich sahen wir einen riesigen Dampfer auf uns zukommen. Er war mindestens drei- oder viermal so groß wie unser kleiner Kutter. Beide Schiffe fuhren direkt aufeinander zu.
Der Schwarze Kalle und ich sahen uns an. Uns wurde klar, dass das böse enden konnte.
Etwa zwanzig Meter vor dem drohenden Zusammenstoß sprangen wir beide über Bord.
Das Wasser war eiskalt, aber wir hatten keine andere Wahl. Kurz darauf wurden wir von der Wasserschutzpolizei aus dem Wasser geholt.
Der große Dampfer konnte im letzten Moment noch ausweichen und eine Katastrophe verhindern. Unser Kapitän wurde anschließend von der Polizei festgenommen.
Völlig durchnässt, aber heilfroh, fuhren der Schwarze Kalle und ich zurück zu unserem Campingplatz.
Am Abend wurden die gefangenen Dorsche gegrillt. Einer unserer Freunde bezeichnete sich selbst als „Chefkoch“ und bereitete die Fische zu. Beim Essen stellte ich fest, dass Dorsche eine Menge Gräten haben können. Aber das war mir völlig egal.
Wir hatten an diesem Tag genug Aufregung erlebt.
Später tranken der Schwarze Kalle und ich noch ein paar Bier, erzählten die Geschichte immer wieder neu und waren uns einig: Diesen Angeltag würden wir niemals vergessen.
Schließlich fielen wir müde in unsere Schlafsäcke und schliefen friedlich ein.
Ende gut, alles gut.
Der Oluf-Samson-Gang im Vergnügungsviertel
Es war ein Samstag im Juli 1972. Mein Kumpel Dieter, den alle nur den „Schwarzen Kulla“ nannten, hatte die Idee, mit seinem alten Opel nach Flensburg zu fahren. Nach einem gemütlichen Stadtbummel und einem Kaffee sagte er plötzlich:
„Warte hier, ich komme gleich wieder.“
Ich blieb beim Auto zurück. Zuerst machte ich mir nichts dabei. Doch je länger ich wartete, desto merkwürdiger wurde die Sache. Mir fiel auf, dass ständig Männer aus einer kleinen Nebenstraße kamen und gingen. Nach einer halben Stunde wurde ich unruhig. Nach einer Stunde hatte ich genug.
Ich machte mich auf die Suche nach Dieter.
Die Straße bestand aus alten Backsteinhäusern, dicht an dicht gebaut. Es war erstaunlich ruhig. Ich ging langsam hindurch und rief immer wieder:
„Dieter! Dieter!“
Aber keine Antwort.
Ich suchte weiter, bog in eine andere Gasse ein und wollte gerade wieder umkehren. Schließlich wusste ich nicht einmal genau, wo wir waren, und erst recht nicht, wie ich allein wieder zu unserem Campingplatz zurückkommen sollte.
Da hörte ich plötzlich hinter mir laute Rufe:
„Hallo! Hallo! Können Sie mir helfen? Können Sie mir helfen?“
Ich drehte mich um.
„Was ist denn los?“
Eine aufgeregte Frau antwortete:
„Hier liegt jemand. Ich glaube, er hat einen Herzinfarkt!“
Sofort dachte ich an den Schwarzen Kulla. Er hatte schon damals Herzprobleme, war ständig nervös und aufgedreht.
Ich lief hinter der Frau her. In einem kleinen Zimmer stand nur ein Bett – und darauf lag tatsächlich Dieter.
Mir wurde ganz anders.
Von Bordellen oder dem sogenannten horizontalen Gewerbe hatte ich damals überhaupt keine Ahnung. Für mich war das alles Neuland.
„Wir müssen einen Krankenwagen rufen!“, sagte ich.
Doch die Frau schüttelte den Kopf.
„Nein, nein, das machen wir nicht.“
Also blieb uns nichts anderes übrig.
Die Frau nahm Dieter auf einer Seite unter den Arm, ich auf der anderen. Gemeinsam schleppten wir ihn etwa 150 Meter bis zum Opel und legten ihn auf den Rücksitz.
Nun hatte ich das nächste Problem:
Ich hatte überhaupt keinen Führerschein.
Dieter war zwar bei Bewusstsein, bekam aber kaum Luft.
„Fahr los, Kurt“, stammelte er.
„Aber ich habe keinen Führerschein!“
„Fahr einfach!“
Also setzte ich mich hinter das Steuer.
Die rund 40 Kilometer bis zu unserem Campingplatz waren die längsten meines Lebens. Ein bisschen Autofahren konnte ich zwar, aber legal war das natürlich nicht. Der Angstschweiß lief mir den Rücken herunter. Ich hatte ständig Sorge, die Polizei könnte uns anhalten oder ich könnte einen Unfall bauen.
Irgendwie kamen wir jedoch heil an.
Gemeinsam mit den anderen zerrten wir Dieter ins Zelt. Sein 15-jähriger Sohn stand daneben und fragte besorgt:
„Papa, was ist denn los?“
Wir legten ihn auf seine Liege und ließen ihn erst einmal ausruhen.
Zwei Tage lang kam er kaum hoch. Wir machten uns große Sorgen und überlegten sogar schon, die Reise abzubrechen.
Doch am dritten Tag geschah etwas Erstaunliches.
Plötzlich stand Dieter wieder vor uns, als wäre nichts gewesen. Voller Energie, voller Tatendrang – ganz der alte Schwarze Kulla.
Wir waren alle erleichtert.
Denn ehrlich gesagt: Wir hätten seiner Frau zu Hause wohl nur schwer erklären können, was genau im Flensburger Vergnügungsviertel passiert war.
Erst viele Jahre später erfuhr ich, wo wir damals eigentlich gewesen waren: im berühmten Oluf-Samson-Gang in Flensburg.
Der Oluf-Samson-Gang ist eine historische Gasse in der Altstadt von Flensburg. In den 1960er- und 1970er-Jahren war sie weit über Norddeutschland hinaus bekannt. Bis zu 70 Frauen arbeiteten dort zeitweise im sogenannten horizontalen Gewerbe. Zusammen mit den angrenzenden Straßen bildete die Gegend eines der bekanntesten Vergnügungsviertel zwischen Hamburg-St. Pauli und der Istedgade in Kopenhagen. Erst 2015 verließ die letzte dort tätige Prostituierte die Straße.
Wenn ich heute daran zurückdenke, muss ich manchmal schmunzeln. Nicht wegen des Schreckens damals – der war echt. Sondern weil ich völlig ahnungslos in eine Welt geraten war, von der ich bis dahin nicht die geringste Vorstellung hatte. Und weil ich am Ende ohne Führerschein einen kranken Freund nach Hause fahren musste, während dieser vom Rücksitz aus nur noch murmelte:
„Fahr los, Kurt … fahr los.“
